Auslandspraktikum einer Lehrerin in Serbien

2021 11 ruma 03sJob Shadowing in Ruma vom 22. bis 25. November 2021

„Job shadowing“ im Rahmen eines Erasmus+ Projekts bedeutet die Hospitation an einer ausländischen Schule, um Einblicke in pädagogische Leitziele, didaktische Konzepte und Unterrichtsmethoden vor Ort zu gewinnen. Dabei steht neben den Unterrichtsbesuchen der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen im Vordergrund der Fortbildung.

Zudem gibt es vielfältige Möglichkeiten kulturelle, geschichtliche und (bildungs-)politische Besonderheiten eines Landes kennen zu lernen. Meine Wahl für die Hospitation fiel auf die Branko-Radičević-Berufsschule in Ruma, da diese der August-Sander-Schule ähnliche Bildungsgänge anbietet. Ruma ist eine 50 km von Belgrad entfernte serbische Kleinstadt. Novi Sad, die zweitgrößte Stadt Serbiens, erreicht man von Ruma aus in ca. 30 Minuten. Ausflüge in beide Städte sind problemlos möglich.

berufsschule branko radicevic

Mein erster Hospitationstag begann pünktlich um 8.00 Uhr morgens an einem grauen Montag im November und wurde – wie die meisten Programmpunkte des Besuchs – von Daniela, Ivana und Dalibor, Mitarbeiter/-innen der ortsansässigen gemeinnützigen Organisation „Youth Style“, begleitet. Diese Organisation hat sich auf eine Rundumbetreuung für ausländische Schulangehörige in Ruma spezialisiert.

Nach einer herzlichen Begrüßung durch Daniela und einem ersten Rundgang durch die spartanisch ausgestattete Schule stand ein Austausch mit dem Schulleiter auf dem Programm, wobei bereits die ersten Unterschiede zwischen dem serbischen und deutschen Bildungssystem deutlich wurden. Die Grundschule in Serbien endet erst mit der 8. Klasse. Danach steht ein Wechsel auf das Gymnasium oder die Berufsschule an. An der Berufsschule kann – abhängig vom Notendurchschnitt – ein drei- oder vierjähriger Kurs gewählt werden, wobei der erfolgreich absolvierte vierjährige Kurs auch zu einem Studium an der Universität berechtigt. Schwächere Schüler/-innen wählen den dreijährigen Kurs. Nach diesem Kurs ist die akademische Laufbahn beendet und die Schüler/-innen treten in die Arbeitswelt ein.

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Meine Vormittage an der Branko-Radičević-Schule bestanden hauptsächlich aus Hospitationen im theoretischen und praktischen Unterricht unterschiedlicher Klassen. Wie bereits erwähnt, waren die Klassenzimmer im Vergleich zur August-Sander-Schule mehr als bescheiden eingerichtet. In keinem Klassenzimmer gab es Schränke oder Materialien, geschweige denn eine technische oder IT-Ausstattung. Den Schülerinnen und Schülern standen im Unterricht keine Bücher zur Verfügung. Kopien oder Arbeitsmaterialien wurden aus Kostengründen nicht ausgegeben. Somit beschränkte sich der theoretische Unterricht auf 45minütige Lehrervorträge – meist ohne Tafelanschrieb –, sodass die Schülerinnen und Schülern nichts aufschrieben. Trotz dieser Umstände war die Arbeitsatmosphäre fast immer konzentriert und es gab es so gut wie keine Störungen. Auch bei schwierigen Klassen war die durchgehende Ruhe im Unterricht sehr auffällig (und wohltuend 😊).

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Höhepunkt der Hospitationen war mein Besuch im praktischen Unterricht des Bildungsgangs „Ernährung und Hauswirtschaft“. Hier werden die Lernenden in drei Jahren je nach Leistungsvermögen entweder zum Koch, Beikoch oder zur Servicekraft ausgebildet. An einem Vormittag konnte ich den Auszubildenden in die Töpfe schauen und beobachten, wie sie ein serbisches 3-Gänge-Menü für einen Teil des Kollegiums (und mich) zubereiteten und den Tisch eindeckten. Auch hier erstaunte mich die Disziplin, der Arbeitseifer und die Höflichkeit der Schülerinnen und Schüler, obwohl die Lehrküche weitaus weniger gut ausgestattet war als die meisten Küchen in einem deutschen Haushalt. Für 15 Schülerinnen und Schüler gab es für die Zubereitung des Essens unter Anleitung eines Kochs einen (!) älteren Herd mit vier Kochplatten, ein Spülbecken (keine Geschirrspülmaschine!) sowie einige sehr einfache Küchengräte. Dennoch war das gemeinsame leckere Mittagessen mit den Kolleginnen und Kollegen im Lehrrestaurant der Schule ein großartiges und sehr geselliges Erlebnis, bei dem natürlich – wie fast überall in Serbien – ordentlich gequalmt und reichlich Rakija getrunken wurde.

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Insgesamt hat sich mein Aufenthalt in Serbien als sehr wertvoll erwiesen, da ich die Möglichkeiten (und Grenzen) eines Unterrichts mit minimaler materieller Ausstattung kennen gelernt habe. Mit meinen gewonnenen Erfahrungen kann ich unseren Unterrichtsalltag aus einer erweiterten (und dankbaren) Perspektive betrachten.

Ein besonderes Dankeschön gilt an dieser Stelle Daniela, Ivana und besonders Dalibor für ihre Unterstützung vor Ort und die erhellenden Diskussionen über die unterschiedliche deutsch-serbische Geschichtsbetrachtung 😊, weiterhin der Schulleitung und dem Erasmus-Team, die mein Vorhaben unterstützt haben und vor allem den Kolleginnen und Kollegen, die meinen Unterricht mitübernommen haben.

Birgit Kulbach

 

Weblink

Homepage der Berufsschule Branko Radičević

 

Siehe auch

Auslandspraktikum mit Erasmus+

 

 

Bildnachweis:
Schulfoto: © 2022 Branko-Radičević-Schule (srednjabr.edu.rs);
© 2022 B. Kulbach, August-Sander-Schule